Wie die 1. begann auch die 2. Marienbrunner Lesenacht am 22. März in der Futterkiste mit einer wirklich gut besuchten Lesung für Kinder ab 5 Jahre. Der ehemalige Leipziger Kabarettist  Matt Liebsch las  aus Claudia Mendes Kinderbuch „Tom und der Waldschrat – Der Rat der Tiere“. Die Geschichte um Tom und seine Waldfreunde fesselte die Kinder sowie auch die Erwachsenen so sehr, dass die Regie nach einer Stunde widerwillig zum Schluss drängen musste.

Doch im Unterschied zur 1. Lesenacht 2018 zeichnete sich die 2. durch ein durchdachtes Konzept unter dem Motto „Zeitzeugen und der Schlüssel zum Glück“ aus, das minutiös umgesetzt wurde. Nicht nur das. Eine große Stimme am Piano nämlich die von Sebastian Krumbiegel umrahmte die Veranstaltung mit seinen eigenen Liedern musikalisch. „Das war wirklich Weltliteratur zur Buchmesse hier in der Gartenvorstadt Marienbrunn“ war Matthias Görig am Ende der 5-stündigen Lesenacht voll des Lobes für die Organisatoren: Susanne Günther, Sven Billwitz und Matthias Kudra. Weltliteratur ist vielleicht etwas übertrieben, aber Ingeborg Schuchart, Hanskarl Hoerning und Gerd Voigt erzählten als Zeitzeugen über Ereignisse, die in die Weltgeschichte eingingen. Gemeint ist damit zu einem die Annexion der Tschechoslowakei durch Hitlerdeutschland und die anschließende Vertreibung der deutschen Minderheit als auch die Teilung Deutschlands.

In ihrem viel beachteten Roman-Debüt „Nur ein Leben“ zeichnet Ingeborg Schuchart sudetendeutsche Schicksale nach. Wie die des deutschen Gerichtsrates Dr. Joseph Renner, der Offizierswitwe Therese, die ihren tödlich verunglückten Sohn, den Konzertpianisten Emmanuel betrauert, sowie Anna, dessen Verlobte und Mutter von Emmanuels Kind Emma. Alle werden in eine Zwangsgemeinschaft gedrängt, in der es nur noch um das Überleben geht. Am Ende ihrer sehr ergreifenden Lesung, welche die Zuhörer im gut gefüllten Saal der Futterkiste fesselte, kam Schuchart zu dem Schluss: „Es ging nur darum ein grausames Regime zu überleben, da verschiebt sich schon einmal die Grenze zwischen Schuld und Unschuld“.

Um eine Grenze ging es auch bei der Lesung des ehemaligen Pfeffermüllers Hanskarl Hoerning, der in humorvoller, pointierter Art und Weise ein schwarzes Kapitel aus dem Leben seines Freundes Gerd Voigt nachzeichnete. Dieser bezeichnet sich selbst als „Schwejk vom Katharinenberg“, da er in der DDR der 60er Jahre , als Grenzsoldat mit drei seiner Kameraden nachts, durch die Sperranlagen der innerdeutsche Grenze am Grenzkontrollpunkt Katharinenberg kroch, um mit den Leuten „von drüben“ ins Gespräch zu kommen und Bier zu trinken. Nach seiner Armeezeit wurde er dafür jedoch mit 2 Jahren und 5 Monaten Gefängnis bestraft. Doch die Sache hatte bei aller Tragik auch etwas Gutes. Im Gefängnis lernte er einen Mitgefangenen kennen, der seine Leidenschaft zur Artistik teilte und ihm, dank der Ausbildung zum staatlich anerkannten Artisten,  die Kunst von der Pike auf beibrachte. Gerd Voigt ließ es sich auch mit seinen fast 74 Jahren nicht nehmen dem Publikum ein paar seiner Tricks vorzuführen.

Als Voigt seine Leidenschaft im Gefängnis zur Berufung machte, wurde Sebastian Krumbiegel geboren. Seine ersten Lieder hat er während seiner Armeezeit geschrieben. Es sind Lieder wie „Der schönste Junge aus der DDR“, in denen die Botschaft zwischen den Zeilen verklausuliert ausgedrückt werden musste. Engagieren und Courage zeigen, das macht der Sänger der Prinzen auch heute noch. „Ich will meine Meinung sagen und das reflektieren, was mich bewegt“ sagte er dazu. Ein Beleg dafür ist sein Song „Mein rechter, rechter Platz ist schon lange nicht mehr leer“. Eindringliche und mahnende Worte zugleich.

Susi Günther

Ein Augenblick in dem die Zuhörer sich fragten: „Wo ist der Schüssel zum Glück?“ Und um die Gäste mit einem Funken der Hoffnung zu verabschieden ging Susi Günther vom MLST dieser Frage in einem sehr philosophischen Text nach. Sie bezog sich dabei auch auf den chinesischen Lehrmeister und Philosophen Konfuzius. „Um die Welt in Ordnung zu bringen … müssen wir erst unsere Herzen in Ordnung bringen.“ Ein unvoreingenommenes von innerheraus ehrliches Lächeln, welches unser aller kleinster gemeinsamer Nenner ist und andere Menschen ansteckt, könnte ein Anfang sein. Ein Anfang einer Bewegung, die im Kleinen, bei jedem selbst beginnt und großes erreichen kann. Sebastian manifestierte diese Aussage mit seinem Lied „Die Liebenden“ und rundete die diesjährige Marienbrunner Lesenacht perfekt ab. „Eine sehr runde Angelegenheit, in der Musik und Literatur gut zueinander gepasst haben“, brachte es Ina Kurtz abschließend auf den Punkt.

Ein ganz besonderer Dank des MLST geht an die Kirchgemeinde Leipzig-Marienbrunn für die Bereitstellung des Keyboards und der dazugehörigen Technik. Vielen Dank auch an alle Autoren, die auf ein Honorar verzichteten und dem Team der Futterkiste, die den Besucheransturm so professionell und liebevoll meisterten.

Literarisch geht es schon am 28. Juni um 19:00 Uhr Futterkiste weiter, wenn Bettina Baier in einer ebenfalls artistischen Lesung aus der „Magie des Leipziger Krystallpalast“ erzählen wird. Doch schon am 17. Mai um 19 Uhr liest Brigitte Nowak aus ihrem Roman „Karls Romanze“. Freuen wir uns darauf und natürlich auf eine Fortsetzung der Lesenacht im nächsten Jahr.

Text und Fotos: Matthias Kudra